Boomergeschichten: Record collectors are?

Die Frage hatte ich eigentlich für mich beantwortet, nämlich mit: Eigentlich ganz okay! Bis ich mich dabei ertappte, der gleichen irren Logik anheim zu fallen, wie es scheinbar in großen Teilen meiner Boomer-Bubble okay schien. Auch ich begann Vinyl-Ersteditionen vorzubestellen und mir dämliche Boxen in unsere Bude zu stellen, gerne auch zwei (eine zum Auspacken und die andere in MINT für das Regal). Ob das nun mit FLINTA-Stoffbeutel oder mit XL-T-Shirt von Tocotronic kam, interessierte mich nicht, denn gebraucht wurde der Kram nie. Produktion für die Tonne würde ich das nennen. In jedem Fall sinnlose Ressourcenverschwendung. Und jetzt steht der Scheiß in der Bude rum und bringt noch nicht einmal eine ordentliche Discogsrendite. Die Briefmarken von Pappa haben wenigstens nicht so viel Platz verbraucht, denke ich mir. Dabei fing alles so gut an:

Mangels finanzieller Privilegien konnte ich mir im Grundschulalter nur alles zwei Monate eine Langspielplatte bei Passmann in Essen Kray kaufen. So kam ich an eine krude Mischung aus Teens, Smokey, Heino (wegen ‚Wir lagen in Madagaskar‘) und AC/DC. Selbstverständlich wurden die mit Adressstempel versehen, womit meine Besitzansprüche verewigt wurden. Musik wurde sonst im Radio auf Kassette gesaugt. Mel Sondocks Hitparade und Wolfgang Neumanns Schlagerrallye war der heiße Scheiß. Auf John Peel hatte ich keinen Bock, weil der noch früher reinquatschte und ich ihn sowieso nicht verstand.

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Svenja Flaßpöhlers „Sensibel“

Eigentlich bin ich ja langsam mit dem Thema durch, habe mich genug daran abgearbeitet. Aber das ist mit Corona auch so und trotzdem ist es das Thema der Zeit. Also noch einmal ran an die Snowflake-OK Boomer-Front: Als Herausgeberin des Philosophie-Magazins genießt Svenja Faßpöhler schließlich bei mir eh einen Vertrauensvorschuss, denn sie bringt dort regelmäßig gelungene philosophische Reflexionen der zeitaktuellen Diskurse an die geneigte Leserschaft. Und genau das was ich erwarte, bekomme ich mit ihrem erfrischenden Buch.
Mit ‚Sensibel‘ versucht sie sich also den Konfliktlinien in identitätspolitischen Debatten zu nähern, indem sie sich die Sensibilität im historischen, kulturellen und philosophischen Kontext anschaut. Und das ist in diesem Bereich auch dringend notwendig, denn allzu leicht findet man sich in seinem Schützengraben wieder. In meinem Fall wäre es der Graben der Resilienz. Um aus diesem heraus ein Verstehen für die Sensibilität zu erlangen arbeitet Svenja Faßpöhler zunächst einmal begrifflich und unterscheidet zwischen aktiver und passiver Sensibilität, also aktiv als Partner der Moral und passiv als unmittelbare Reaktion. Ferner unterscheidet sie vier Dimensionen der Sensibilität in die leibliche (Gefühl für körperliche Übergriffigkeit), psychische (Sprachsensibilität), ethische (Solidarität mit marginalisierten Gruppen) und zuletzt in die ästhetische  (Resonanzerfahrung auf das Schöne / Hässliche).
Danach begibt sie sich auf die Spurensuche des Prozesses der Sensibilisierung mit dem Soziologen Norbert Elias, der die fortschreitende Empfindsamkeit als Zivilisationserrungenschaft beschreibt. Ausgehend vom stumpfen Ritter Jonathan, dem Gefühle in jeder Hinsicht fern waren, bis zum woken Jan, dem seine Überzeugungen zutiefst verinnerlicht als ethischer Kompass dienen, wird dieser Prozess als aktiver Akt der Selbstdisziplinierung zunächst durch den Adel und dann durch das Bürgertum durchschritten. Affektneutralisierung brachten entscheidende Vorteile im Zusammenleben und damit einherging eine Steigerung der Empfindsamkeit. Den Einlang zwischen den Begehren des Einzelnen und der Gesellschaft auszutarieren ist hier von entscheidender Rolle. Momentan befinden wir uns hier an dem Punkt, an dem Gefühle handlungsleitend werden. Das Private oder das Intime gerät so in den Fokus des Handelns und dadurch werden Grenzen der Verletzlichkeit verschoben, womit wir beim Punkt der Auseinandersetzung sind.

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Ein Wagen vorwärts! (Ein Fiebertraum)

Wir waren schon sehr lange in dieser Richtung unterwegs. Einer hatte sie mal als die falsche bezeichnet, doch machten ihm seine vielen Persönlichkeiten zu schaffen, sodass er bald schon Gegenteiliges behauptete, und ohnehin schenkten wir einander oft wenig Beachtung. Immer wieder mit unseren eigenen dissoziativen Identitätsstörungen beschäftigt bis zum Reizdarm, waren wir uns vor allem in einer Sache einig, dass anzuhalten das Schlimmste wäre und an Umkehr nicht zu denken sei, denn wir alle mussten ja, gottverflucht, noch irgendwohin.

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Fanzine-Quartalsvergleich

Ox #158, Plastic Bomb #116, Trust #210, Zap #158

Die großen vier regelmäßigen Hefte mal wieder im Vergleich des kompetenten Rezensenten. Keine Ahnung, ob der Vergleich in einem Artikel hier weiter Sinn macht, denn die Unterschiede manifestieren sich eher, als dass hier eine Überraschung zu erwarten wäre.

Gemeinsam ist allen Heften, dass mit und ohne Kampfbegriff FLINTA* das Thema weiterhin Schwerpunkt ist. Im Ox ist deutlich das Bemühen zu spüren, das Thema redaktionell zu pushen. Zum Beispiel durch die großartigen Courettes, die Linda Lindas oder als Drummergirl Sandy Black von Östro 430. Problem ist sicher, dass der relative Anteil von Bands mit Frauen weiter sehr gering ist und das in einem Heft mit zweimonatlich 164 Seiten einfach mal nicht zu ändern ist. Das machen viele Schreiber:innen dann mit atavistischem Gendern wett. Im Trust schreibt Sternchen-Frau Sabrina jetzt wohl fest Vorwörter und das ZAP geht das Thema bewusst rustikaler an. Das Plastic Bomb hingegen arbeitet weiter auf das Alleinstellungsmerkmal höchste Frauenquote bei Schreiber:innen und gefeaturten Bands hin, was relativ auf 48 Seiten natürlich ungleich leichter als beim Ox fallen muss, zudem hier noch der Fokus häufig auf kleiner und unbekannter (z.B. Radical Kitten) liegt. Das zu ändern, schicken sich die Macher:innen an, indem sie erstmal Werbung für die eigene Labelbands Anger Boys und später für BASH! (quasi ein Gruß aus der Vergangenheit) machen. Danach gibt es die üblichen Wasserstandsmeldungen aus den AZ, besetzten Häusern und von der Seenotrettung. Die Interviews werden überwiegend per Email gemacht, was die Ergebnisse etwas steif macht. Die Descendents werden am Ende (vermutlich) mündlich interviewt, was dem Ergebnis spürbar gut tut. Dass im Vorwort Ronja noch einmal nachtritt, ist geschenkt, weil es eben erwartet war (Täter-Opfer-Umkehr gehört ja zur Selbstvergewisserung). Basti sorgt mit seinen Geschichten aus der Gruft mal wieder für einen trashigen Kopfschüttelschauder, indem er genüsslich den gescheiterten Putschversuch auf einer Karbikinsel durch KKK-Vollpfosten vorführt. Und Chris Scholz sagt das Afghanistan-Desaster ziemlich voraus, womit er sich den Guck-in-die-Kugel-Award verdient.

TRUST weiter im klassischen Todesanzeigen-Layout und das Plastic Bomb lieber weiter ohne Layout.

Ob sich Helge Schreiber wohl den flapsigen Ton verboten hätte? Vielleicht. Denn seine Kolumne im neuen Ox ist einer der seltenen authentischen Aufschreie, die sich in unserem zynischen Spiel mit dem Leid in der Welt ganz besonders ausmachen und fordern: Halt doch einfach mal die Fresse!

Zebracore – Hannes Siaminos im Interview

Mitte der 90er Jahre gründete sich in Duisburg eine Punk Konzertgruppe mit dem Namen ZEBRACORE, wo vorrangig Bands aus der DIY-HC / Crust Punk Szene spielten und man sich den linken Idealen zugehörig fühlte. Kernpunkt der Veranstaltungen war die Duisburger FARBIK (RIP 2003) in Neudorf, wo bis Anfang der 00er Jahre eine Vielzahl an großartigen Bands spielten. ZEBRACORE ist auch gleichbedeutend mit Hannes Siamonis, welcher damals die treibende Kraft hinter ZEBRACORE war. Es entwickelte sich damals ein gutes DIY-Punk Netzwerk zusammen mit Konzertgruppen aus anderen NRW-Städten. Seit ein paar Monaten habe ich wieder Kontakt mit Hannes und es war mir ein Bedürfnis mit ihm über sich selbst als auch über die damalige Zeit der FARBIK und ZEBRACORE zu sprechen.

Wann ist eigentlich der Punk Rock in dein Leben eingezogen? Wie hat sich das auf dich ausgewirkt, bis du angefangen hast, Konzerte zu veranstalten?Also ganz ursprünglich war ich mal so ein Metalhead. So richtig klassisch sozialisiert durch BRAVO geriet ich mit Musik in Kontakt durch Mel Sandocks Hitparade Mittwochs im WDR Radio. Durch die BRAVO bin ich auf KISS gestoßen. Die machten coole Mucke und hatten noch ein viel cooleres Outfit. Das muss ´78 gewesen sein. Dann entdeckte ich AC/DC für mich und KISS konnten direkt wieder kacken gehen. Bei den Aussies bin ich dann erstmal hängen geblieben. Die haben für die damalige Zeit echt ein Brett gefahren, wenn du dir heute „Kicked in the teeth“ von Powerage mit adäquater Lautstärke anhörst.

Dann kam in der Schule ein Kumpel mit „No Sleep ´til Hammersmith“ um die Ecke und von da an wollte ich nur noch schnelle und „In ya face“-Mucke haben. AC/DC schmierten mit dem neuen Sänger auch langsam ab und so war der Weg vorgezeichnet. Etwa zur selben Zeit kam ein Typ aus dem Nachbarhaus auf mich zu und hat mich auf EXPLOITED aufmerksam gemacht. Der Typ war ein paar Jahre älter als ich und eher punkig / wavig unterwegs. Aber das war tatsächlich mein erster Kontakt mit Punk überhaupt. Das war so ca. 82/83, als grade EXPLOITED-Live draußen war.

Zeitgleich kamen aber auch die ganzen Ami Metalbands über den Teich, so METALLICA, SLAYER, ANTHRAX usw., erst mit Tonträgern und später Live. Die haben echt Härte und Speed in die Metalszene gebracht. Die „Haunting the chapel“-12“ mit CHEMICAL WARFARE drauf hat damals eingeschlagen wie eine Bombe. Zur selben Zeit habe ich noch die „Troops of tomorrow“ gehört, die auch gut war, aber längst nicht so heftig wie SLAYER. Naja, das war´s dann erstmal mit Punk. Hat mich dann nicht mehr so interessiert. Bis dann Mitte der 80er plötzlich wegen diesem Crossover-Ding von DRI viele von meinen Kumpels mit HC-Scheiben ankamen. Ehemalige Kuttenträger rannten plötzlich mit NEGAZIONE Shirt und Bandanas rum, ich hab das damals nicht verstanden, weil nicht gekannt. Ein Kollege hat mir dann die HERESY / CONCRETE SOX LP geliehen. HERESY fand ich auch geil wegen dem Speed, das war schon imposant. Aber ich war noch zu Metal verseucht und noch nicht bereit für die Veränderung. Dann war ich zum ersten Mal im Duisburger ESCHHAUS bei NEGAZIONE / WINTERSWIJK CHAOS FRONT und habe viele Bekannte aus der Metalszene wiedergetroffen, und das war dann schon prägender. Allerdings war ich nur insgesamt 3 x im ESCHHAUS, einmal davon war die 1. Duisburger Hardrock Nacht, also auch kein Punk. Aber insgesamt war ich schon interessierter.

Was mich damals schon sehr abgeturnt hat, war die Kommerzialisierung und vor allem Zersplitterung der Metal Szene. MÖTLEY CREW auf der ersten Tour als Vorband von MAIDEN haben mal eben 65,- DM für ein T-Shirt aufgerufen, also 15,- mehr als der Headliner. Und die Leute haben gekauft wie blöde. Das war 85. Und ähnlich ging es mit Konzertpreisen. Das ich 1984 in Belgien für ein Open Air Konzert mit MOTÖRHEAD, TWISTED SISTER, METALLICA erstmals in Europa, WARLOCK, MERCYFUL FATE und noch 3 weiteren Bands grade mal 40 Mark hinlegen musste, kann sich heute keiner mehr vorstellen. Ein, zwei Jahre später war es damit vorbei.

Das eigentlich vorentscheidende Ereignis war dann meine Entscheidung, in der FABRIK aktiv zu werden. Ich wohnte damals 2 Minuten Fußweg vom Laden entfernt. Als 14-jähriger war ich mal da drin, kam aber nur bis in den Vorraum, wo mich ein paar Leute freundlich aber bestimmt abwimmelten. Das war also ´82. Ich fand das doof und ich hatte den Laden schon fast vergessen. Aber so ab ´86 gab es in Duisburg und Umgebung nix mehr, wo man als Metal hingehen konnte. Also bin ich Back to the Roots. Warum in die Ferne schweifen …? Ich kannte mittlerweile ein paar Leute, die sich da rumtrieben, von der Schule. Die haben mich dann eingeladen. Ich muss dabei sagen, dass die FABRIK damals mit Punk nix am Hut hatte. Dafür gab es ja zu dem Zeitpunkt noch das ESCHHAUS. Ich habe mich also in der Fabrik eingebracht, Thekendienste geschoben, was damals auch immer frei saufen hieß, mich immer mehr von diesem Metalding entfernt. Ich hörte zwar noch die Mucke, auch in Ermangelung anderer Infos. Aber ich habe z. B. nicht mehr eingesehen, diese Horrorpreise für Konzerte dieser vollgekoksten Rockstars zu bezahlen oder diese Horrorpreise für CDs. Die waren damals noch recht neu und zum Teil Importware, unerschwinglich. Naja, kein Bock mehr drauf und von da an auf der Suche nach was Neuem.

Und dann kam ´89/´90, die Entscheidung. Die FABRIK war eigentlich ein alter Kommunistenladen, schwer links, Ostermarsch- und Uniumfeld, angehende Lehrer, arbeitsfaule Studenten, etc. Also eigentlich erst mal sympathisch. Aber es stand ein Generationenwechsel an. Die FABRIK wurde 1978 von angehenden Lehrern aus dem DKP Umfeld als e. V. gegründet. Die hatten auch schon Generationenwechsel durchgemacht, aber jetzt gab es keinen Nachwuchs mehr. Also zogen sich immer mehr von den Alten zurück und überließen uns jüngeren das Feld. Das war so ab 1988 und ging immer fixer. Und ich sag mal, ab 1989 ging es los. Das ESCHHAUS hatte längst die Pforten geschlossen und die Duisburger Szene hing erstmal in der Luft. Für Punks gab es eigentlich nur noch den besetzten Neumühler Bahnhof, wo heute eine Veranstaltungstechnikfirma drin ist.

 

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Kaltfront – Spiegel CD

Ich leg mich mal fest: Für mich die deutschsprachige Platte des Jahres! Dass ich die Dresdner Band Kaltfront bisher nur vom Namen kannte und trotzdem automatisch ‚Zieht euch warm an‘ repondieren kann, macht es auch nicht besser. Aber in der Welt von Kaltfront gibt es eigentlich auch nichts Gutes. Düster ist ein euphemistischer Ausdruck, der hier durch die schiere Schönheit der lyrischen Texte und der treibenden Musik gerechtfertigt wird. Dass im Angesicht des  Abgrunds alle Suche nach Licht vergeudet ist, ist die Botschaft, die hier in sanften Alpträumen repitiert werden sollte. Dies wird durch die Sogwirkung ihres Postpunks erleichtert. Killing Joke wird ja an diesen Stellen schnell mal geschrieben, aber Kaltfront haben diesen Vergleich auch verdient. Das Älterwerden sowie Leben und Sterben in einer absurden Welt ist der erniedrigende Fakt, der uns steter Begleiter ist, mit KALTFRONT aber wenigstens wunderschön verpackt. Ich mag hier wirklich keinen Song rausheben, denn es gibt keinen Lückenfüller. Dieses wunderbare Geschenk aus Dresden ist ein großer Begleiter durch den trüben Herbst. Dank an Stephan dafür!

 

Fondermann & Gebhardt: Freitag, der Dreißigste Hörbuch

(www.gebhardt.fondermann.de)

Der gute Abel versucht sich ja schon seit geraumer Zeit als Autor und hat bereits zwei Coming of Age-Romane veröffentlicht. Diesmal schreibt er zusammen mit Ritchy Fondermann und bleibt dem Genre weitestgehend treu. Ausgangspunkt ist allerdings diesmal eine Familientragödie, die die junge Sascha zunächst in die Großstadt Hamburg und den hiesigen Kiez treibt, wo sie ihr Herz an den ebenfalls suchenden Robert (Robby) verliert. Dabei sind Motive und Lebensentwürfe auf viele Weisen klischeebeladen und stereotyp. Robby ist erfolgloser DJ, der eine Karriere als Fotograf beginnt und Sascha, die eigentlich in Münster studieren wollte, dann aber in Hamburg hängenbeibt, um dort als Krankenschwester zu arbeiten. Das Leben rund um die Reeperbahn wird recht amüsant beschrieben und das eine oder andere Werturteil über Gentrifizierungstendenzen und Hipster fließt ein. Damit es nicht langweilig wird, haben die Autoren die Liebesgeschichte die Handlungsstränge geschickt multiperspektivisch miteinander  verwoben und auch noch eine kleine Geschichte um eine Liebeseiche eingebaut, die dem Ganzen einen weiteren doppelten Boden gibt. Dazu gibt es allerlei auflockernde Auftritte von Nebenfiguren, wie dem Heizungsableser, dem schwulen Kollegen Saschas und dem Kneipenwirt. So wirken die Autoren aufkommender Langeweile entgegen, ohne hier so klassische Schenkelklopfer zu produzieren. Ja, überhaupt hängen die Wolken eher tief. Beide Figuren (auch die Autoren?)  scheinen therapieerfahren oder es zuweilen doch sehr nötig zu haben. Der Grat zwischen himmelhochjauchzendem Glück und dem Totalabsturz ist zuweilen sehr schmal. Manchmal möchte man die beiden Protagonisten auch Ohrfeigen oder ihnen etwas mehr Hirn gönnen. Da mir der Roman hier als Hörbuch vorliegt, muss ich auch erwähnen, dass das durchaus eine Glanzleistung ist, die hier produziert wurde. Beide Autoren lesen wohl selbst und werden von vielen Freunden unterstützt, die wohl nicht immer Profis sind, was der Geschichte aber auch zusätzlichen Charme verleiht.

Dass die Geschichte am Ende eine derbe Wende macht und es in Bezug auf die Suche nach Saschas Bruder noch mal Klick macht, ist ein weiteres Qualitätswerk für alle Freunde von großstädtischen Coming of Age-Romanen.

Die Ärzte – Dunkel DoLP

 

Dass jetzt so schnell der Nachfolger der ‚Hell‘-LP erscheint, ist wohl der Corona-Langeweile geschuldet, die die Liveaktivitäten der Band einschränkte, vermute ich. Tja, was soll ich erwarten? Warum erwarte ich überhaupt etwas? Weil das Lila Album der Terrorgruppe auch überraschend gut war? Irgendwie dachte ich, dass es ja prima wäre, wenn jetzt der Drive der drei bis vier guten Stücke der ‚Hell‘-LP aufgenommen würde und sich die Ärzte vielleicht mal wieder neu erfinden würden. Aber das ist jetzt hier ein klarer Fall für Karl-Heinz Stille, der die Platte Stück für Stück im Ox sezieren könnte. Wäre mal ein cooler Move. Potenzial zur ersten Platte mit unter drei Sternen hat das Album auf jeden Fall. Ein geeigneter Untertitel wäre vielleicht gewesen: Die Songs, die es nicht auf B-Seiten geschafft haben. Das Œuvre schwankt so zwischen Prinzen, Hosen, Wizo und Tocotronic. Kaum ein Song mit Druck oder Hitcharakter. Mit ‚Noise‘ konnte man mühevoll eine Single auskoppeln und der Song ‚Kraft‘, der als Dreifragezeichen-Video recht ansprechend ist, kann in der vertonten Version gar nichts. Dabei hätte der wirklich gute Musik verdient.

Macht sich gut als bündiges Element in der Ikea-Wand.

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Such dir was aus

Gestern Morgen teilten mir die Wände einer Duisburger U-Bahn-Station gleich dreimal in blauer und roter Farbe mit, dass Osman und Tugba zurzeit Geschlechtsverkehr haben. Wenn diese simple Tatsache für bemerkenswert genug gehalten wird, alle Diskretion und Schamhaftigkeit über Bord zu werfen, muss entweder der Sex außergewöhnlich oder das Warten auf den Vollzug des Aktes geradezu unerträglich gewesen sein, so dachte ich bei mir und freute mich für die beiden, gar nicht erst ins Kalkül ziehen wollend, ein Dritter könnte die reichlich unbeholfene Sprühaktion in denunziatorischer Absicht durchgeführt haben.

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Zwakkelmanns SHIT‘SINGLE

Foto von Marion H.

Bücher von Menschen zu besprechen, zu denen man ein besonderes Verhältnis hat, ist immer eine etwas gefährliche Sache: Einerseits ist die Gefahr einer Gefälligkeitsbesprechung im Raum, andererseits bin ich persönlich bei der Bewertung von Büchern, die im Freundeskreis geschrieben werden, etwas überkritisch. Das möchte ich dann Zuweilen etwas sprachlich schönen, damit es nicht zu weh tut.

Diesmal ist es aber ganz leicht, denn ich bin schlichtweg sehr angetan von Schlaffkes autobiografischem Buch. Im Titel ist es schon angelegt: Einerseits geht es um die musikalische Seite, die Single und dann um Schlaffke als (unfreiwilliger!!!) Single. Und auf dem Buchrücken wird das Spiel sogar noch weiter getrieben, denn dieses Leben kann sowohl Hit als auch Shit sein. Diese kleinen Feinheiten sind es, die den Künstler Zwakkelmann und Menschen Schlaffke ausmachen. Im Untertitel stapelt er tief, indem er von „Anekdoten eines Vollidioten“ spricht und fängt so den unbefangenen Leser. Es gibt tatsächlich zahlreiche kleine Geschichten vom Leben in der Provinz und abseits der großen Festivalbühnen. Mittelpunkt ist das niederrheinische Haminkeln, dem Ort zwischen Bauerndorf und Einfamilienreihenhausghetto, dem eigentlich kaum etwas Schönes zugeschrieben wird. Zahlreiche sympathische Spinner begegnen unserem Helden, deren Leben zwar oft nicht glamourös ist, aber denen eine erzählenswerte Eigenart zueigen ist. Interessanterweise sind beinahe alle Namen geändert, obwohl der Held selbst sich die schlimmsten Aussetzer leistet, aber durch die stete Einsamkeit, die wie Satrés Ekel omnipräsent ist, entschuldigt wird.

So könnten diese kleinen abgeschlossenen Erzählungen auch „Reflexionen aus einem unerfüllten Leben“ genannt werden. Über all dem lustvoll erzählten Versagen steht stets die Suche nach einer erfüllten Liebe. Dabei muss Schlaffke echt einiges ertragen. Vielleicht schreibt er das Buch darum durchgehend in der dritten Person. Vielleicht ist es diese Distanz, die zum Selbstschutz gebraucht wird, denn teilweise geht es echt ins Eingemachte, wenn beispielsweise die Geschichte vom tödlich verunglückten kleinen Bruder Friedemann plötzlich den lockeren Ton ad absurdum führt. Dann muss ich das Buch auch mal zur Seite legen und es kurz sacken lassen. Das wusste ich nicht, gehört aber zu dem Psychogramm, das hier gezeichnet wird. Als Zwakkelmann lebt Schlaffke das Leben als Bukowskis Lightversion. Nicht so hart, nicht so böse und nicht so konsequent. Immer mutig schreitet er voran und seine Gutmütigkeit steht ihm im Weg. Aber sein Weg wird von gerade genug Menschen gesäumt, die ihn genau dafür lieben. Und obwohl das Überthema „Liebenswerter Versager“ mantramäßig wiederholt wird, wird es nie langweilig, soviel über sein Leben und auch die Bezüge zu seinen Liedtexten zu erfahren. Mensch und Künstler sind halt hier nicht zu trennen.

SHITSINGLE ist ein Buch über das Jungsein, das Altern und im Hier und jetzt zu sein. Die Coronakrise ist hier Ausgangspunkt der Erzählung und passt auch zu Schlaffkes Ecce Homo. Passend dazu ist auch das vorläufige Happy End auf dem Ruhrpott Rodeo.